Was ist das Sakrament des Altars?
Es ist der wahre Leib und Blut unseres Herrn Jesus Christus unter dem Brot und Wein, uns Christen zu essen und zu trinken von Christus selbst eingesetzt,
So heißt es, liebe Schwestern und Brüder, in Martin Luthers„Kleinem Katechismus”. Das Heilige Abendmahl ist für uns Lutheraner nicht allein Erinnerung oder Symbol, es ist Begegnung mit Jesus, der für uns gestorben und auferstanden ist. Wenn wir seinen Leib und sein Blut unter Brot und Wein empfangen, gibt er uns Anteil an seinem Sieg über Sünde und Tod. Und er schenkt uns einen Ausblick auf das ewige Höchzeitsmahl in seinem Reich. Darum beten wir: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.” Ich möchte mich diesem „Geheimnis des Glaubens” mit Hilfe einiger kleiner Texte annähern. Wir haben in unseren Gemeinden noch einige Zeitzeugen der schweren Nachkriegszeit, auch Opfer von Vertreibung und Flucht aus den ehemaligen deutschen Gebieten im Osten und einige sehr alte Männer, die berichten können, was sie im Krieg und in sowjetischer Kriegsgefangenschaft erlebt haben. Vielen ist gemeinsam, dass sie die Erfahrung von Hunger gemacht haben. Diese Erfahrung fehlt meiner und späteren Generationen in Deutschland. Dabei ist sichere Versorgung mit dem täglichen Brot für Abermillionen Menschen auf verschiedenen Erdteilen auch heute noch Hoffnung, Wunsch oder vielleicht sogar nur ein ferner Traum, Es ist wichtig, sich den Wert des Brotes bewusst zu machen, um dem Heiligen Abendmahl auf die Spur zu kommen: Ein englischer Journalist unternahm einmal einen Versuch: E rwollte wissen, was den Menschen ein Brot wert ist. Er kaufte ein Dreipfundbrot und stellte sich damit an Straßenecken auf, wo viel los war. Den vorübergehenden Leuten machte er das Angebot, sie könnten das Brot haben, wenn sie dafür eine Stunde arbeiten würden, Und das kam bei dem Test heraus:
In Hamburg lachte man ihn aus.
In New York verhaftete ihn die Polizei.
In Nigeria wollten gleich mehrere Personen drei Stunden für das
Brot arbeiten.
In Neu-Delhi waren im Nu mehr als hundert Leute versammelt, die bereit waren, einen ganzen Tag für dieses eine Brot zu arbeiten.
(Jugend und Gott, S. 110)
Diese hungrigen Menschen wissen: Brot ist ein wahres Himmelsgeschenk. Eine göttliche Gabe! Wir müssen lernen, diesen Hunger, diese Sehnsucht, diese geistliche Dimension des Brotes – jedes Brotes! – neu zu empfinden.
Wer reich beschenkt ist mit dieser Gottesgabe, der gibt etwas von ihr weiter – wenn er sie als Himmelsgeschenk würdigt und nicht als Selbstverständlichkeit betrachtet. Ein Reporter hat in Indien von einem Kind gelernt, was es heißt, zu teilen: Ich war die ganze Nacht mit dem Zug gefahren, Am Morgen kamen wir in Nagpur an, einemgroßen Bahnhof in Indien. Ich saß in einem überfüllten Abteil der dritten
Klasse. Auf dem Gleis gegenüberstand auch ein Zug. Ich konnte von meinem Platz aus in ein Abteil der ersten Klasse sehen. In der ersten Klasse fahren die Reichen, Ein wohlgenährter Herr saß am geöffneten Fenster und frühstückte, Als er sein Frühstück beendet hatte, warf er| die Reste seiner Mahlzeit durchs Fenster auf den Bahnsteig. Es war ein schönes rundes „Chapatti“ dabei, eine Art Brotkuchen. Für die Inder ist Chapatti etwas Ähnliches wie für uns hier Brot. Ich war empört, dass jemand Brot einfach so wegwarf! Doch während ich mich nach darüber ärgerte, sah ich zwei Lebewesen danach rennen: einen kleinen Jungen, nackt, abgemagert, schmutzig, mit verfilzten Haaren und einen struppigen, dürren Hund, dem die Knochen an der Seite herausstanden. Wer würde das Chapatti erwischen? Es war der Junge, der es bekam, freudig hielt er es empor: ein ganzes, schönes, großes Chapatti für ihn allein! Der Hund schaute traurig zu Ihm auf. Er war zu spät gekommen. Der Junge setzte sich mit untergeschlagenen Beinen auf den schmutzigen Bahnsteig. Er hielt das Chapatti in der Hand und betrachtete es, als wolle er noch einen glücklichen Augenblick lang den wunderbaren Anblick genießen. Plötzlich hob er die andere Hand und Iud den Hund mit einer Handbewegung ein, sich zu ihm zu setzen. Ich sah, wie er das Brot in zwei Hälften brach. Die eine gab er dem Hund, die andere war für ihn. Beide aßen andächtig. Sie wurden beide nicht satt davon. Aber sie hatten den schlimmsten Hunger gestillt. Und beide hatten einen Augenblick gemeinsamen Glücks erlebt. (Erzähl mir vom Glauben) Wenn wir das Heilige Abendmahlfeiern, dann sind wir mit allen Christen verbunden am Tisch Jesu. Mit den Christen in den reichen Ländern der Welt, denen es so gut geht wie uns – und mit den Christen, die in zerbombten Kirchen Gottesdienst feiern, mit den Christen in den Elendsvierteln der Millionenstädte der Dritten Welt und mit den Christen, die ihr Glaube ins Gefängnis gebracht hat. Gott bricht uns das Brot der Welt und das Brot des ewigen Lebens. So sollen auch wir mit denen teilen, die nach Brot, nach Sinn, nach Gemeinschaft, nach Hoffnung hungern. Damit alle satt werden können. Was geschieht beim Heiligen Abendmahl? Wie gibt sich Jesus selbst unter Brot und Wein? Ein Armenpriester in Brasilien hat dafür einen guten Vergleich gefunden. Er erklärt damit den Kindern in einer Favela, einem Slum, das Wunder, dass Jesus uns seinen Leib zu essen und sein Blut zu trinken gibt. Er sagt: Eure Eltern arbeiten unglaublich hart, um Euch etwas zu essen zu verschaffen. Der Schweiß, den sie für Euch vergießen, die Tränen der Erschöpfung und Sorge, die sie jede Nacht weinen – die werden für euch zum Brot. Ihr esst Brot – aber in diesem Brot den Schweiß, die Tränen, die Liebe eurer Eltern. Ähnlich ist es beim Heiligen Abendmahl: Das Leben und die Liebe Jesu, sein Blut, das er am Kreuz vergießt, sein Leib, der am Kreuz gequält wird, ER selbst ist im Brot und Wein da. Ganz da für euch. (Quelle: Fernsehdokumentation)
Jesus ist da für uns unter Brot und Wein, Als der für uns Gekreuzigte, als der Auferstandene, Er gibt uns neue Lebenskraft, neuen Mut, neue Hoffnung. Er gibt uns seine Liebe – eine Liebe, die auf die Ewigkeit zielt. Ein letzter Text sagt uns, welche Kraft vom Abendmahl ausgeht. Francois-Xavier Nguyen VanThuan (1928-2002), katholischer Bischof aus Vietnam, der wegen seines christlichen Glaubens dreizehn Jahre in einem Umerziehungslager eingesperrt war, berichtete: Im Lager waren wir in Gruppen von 50 Personen aufgeteilt; wir schliefen auf einem gemeinsamen Bett, jeder hatte Anspruch auf 50 Zentimeter. Wir konnten es so einrichten, dass fünf Christen mit mir zusammen waren. Um 21.30 Uhr musste das Licht gelöscht werden und alle mussten schlafen gehen. Das war der Zeitpunkt, da ich mich über das Bett beugte, um die Messe zu zelebrieren. Auswendig. Zur Kommunionausteilung reichte ich die Hostie unter dem Moskitonetz hindurch. Wir bastelten sogar kleine Täschchen aus dem Papier von Zigarettenschachteln, um das gesegnete Brot aufzubewahren und es den anderen zu bringen. Jesus war so immer bei mir – in meiner Hemdtasche. In den schwersten Stunden half uns die Gewissheit: Jesus ist mitten unter uns. Jesus half durch seine stille Gegenwart in unvorstellbarer Weise: Viele Christen fanden Zu einem glühenden, einsatzbereiten Glauben zurück, Nichtchristen fanden zum Glauben an Jesus. Die Kraft der Liebe Jesu war unwiderstehlich. (Jugend und Gott, S. 1171-113 {Text stark gekürzt)). Das Heilige Abendmahl ist – gemeinsam mit dem Wort Gottes, der Bibel – der größte Schatz der Kirche. Es ist das größte Geschenk, das Jesus uns gemacht hat. Und Jesus macht sich dieses Geschenk auch selbst. Mutter Theresa von Kalkutta hat einmal gesagt – und ich liebe dieses Wort: „Beim Heiligen Abendmahl wird auch der Hunger Jesu gestillt. Jesus hungert nach Menschen, die ihn lieben.“ Solche Menschen wollen wir werden – immer wieder, immer neu. Amen.
Martin Fromm
Fotos: Chr. Kern
Quellen:
Alfanso Pereira / Georg Schwikart
(Hg.): Jugend und Gott. Gedanken
und Gebete, Kevelaer 2012
VELKD: Erzähl mir vom Glauben.
Vorlesebuch, Gütersloh 2002